04.11.2019 von Franziska Marx

Mit einem vier Monate alten Kind auf eine Entwickler-Konferenz fahren - ist das eine gute Idee? Unsere Kollegin Franziska Marx hat den Versuch gewagt und berichtet hier von ihren Erfahrungen.

Als mich meine Kollegin Susanne vor einigen Wochen fragte, ob ich Anfang November mit zur PyConDE und PyData nach Berlin fahren möchte, war mein erster Impuls: na klar fahre ich mit! Dass ich aktuell in Elternzeit bin, sollte kein Grund sein, eine spannende Konferenz zu verpassen. Mein Sohn wäre dann vier Monate alt und mein Mann könnte ja einfach mitkommen und sowohl das Baby als auch meine zweijährige Tochter betreuen - alles kein Problem! Ein Blick auf die verbleibenden Urlaubstage meines Mannes sorgten jedoch für Ernüchterung, was eine gemeinsame Reise nach Berlin anging. Daraufhin entschied ich, den Versuch zu wagen, alleine an der Konferenz teilzunehmen und das Baby mitzunehmen.

Die PyConDE, die auch in diesem Jahr gemeinsam mit der PyData stattfand, ist die größte Konferenz der Python Community in Deutschland. Drei Tage lang boten diese Konferenzen im Berliner Veranstaltungszentrum KOSMOS verschiedene Sessions und Workshops rund um Python, Data Science, Visualisierung und Informations-ethische Themen. Da dies weder meine erste Konferenz noch mein erstes Baby war, hatte ich eine grobe Vorstellung davon, was auf mich zukommen würde.

Nichtsdestotrotz war ich kurz vor der Konferenz unheimlich nervös und nicht mehr so ganz überzeugt davon, dass die gemeinsame Teilnahme eine gute Idee sei. Von Seiten der PyCon gab es zwar eine Kinderbetreuung, aber ein vier Monate altes, voll gestilltes Baby wollte ich auf keinen Fall in die Obhut von Fremden geben. Das hieß, mein Sohn würde mich rund um die Uhr begleiten und sowohl den Sessions als auch Gesprächen in der Pause beiwohnen. Bedenken hatte ich dabei in vielerlei Hinsicht:

  • Werde ich ernstgenommen, wenn ich mich kinderwagenschuckelnd oder Baby-in-der-Trage-hopsend mit Anderen austauschen möchte?
  • Werde ich mich konzentrieren können und inhaltlich etwas von der Konferenz mitnehmen können, wenn ich immer ein Auge auf mein Kind haben muss?
  • Wie kindgerecht wird die Infrastruktur dort sein? Kann ich irgendwo wickeln, ohne Andere zu belästigen, und in Ruhe stillen?
  • Wie wird mein Baby das alles finden? Wird es ihm dort gut gehen?

Nach drei Tagen Konferenz kann ich nun sagen: meine Bedenken haben sich größtenteils nicht bestätigt. Sowohl mein Sohn als auch ich haben die Tage sehr genossen und ich habe überwiegend positives Feedback von den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bekommen. Ermutigt von den vielen interessierten Nachfragen und Gesprächen möchte ich nun meine Erfahrungen teilen.

Der Konferenzort

Unser Kinderwagen ist ein Emmaljunga. Die Mamas und Papas unter den Lesenden wissen: das ist ein Schiff. Demnach steht man mit diesem Gefährt immer irgendwie im Weg, auch wenn man versucht, sich praktisch unsichtbar zu machen. Nach den ersten Minuten auf der Konferenz war mir klar, dass dieser Plan also nicht aufgehen würde und ich damit leben muss, die nächsten Tage aufzufallen und eine gewisse Art von Verkehrsbehinderung darzustellen, wenn es darum geht, die Räume zwischen den Sessions zu wechseln.

Der KOSMOS in Berlin ist leider nur beschränkt barrierefrei, so dass ich immer mal wieder jemanden bitten musste, kurz mit mir den Kinderwagen die Treppe hoch zu tragen. Wickelmöglichkeiten sucht man leider vergeblich und die Sitzgelegenheiten außerhalb der Session-Räume bestehen ausschließlich aus Barhockern und hohen Tischen. Das Organisationsteam der PyCon hatte mir aber auf Nachfrage einen Raum im Backstage-Bereich zur Verfügung gestellt, in dem ich in Ruhe wickeln und stillen konnte. Außderdem war es ein prima Rückzugsort für mich und das Baby abseits der doch recht aufregenden Geräuschkulisse.

Die Konferenz

Als Vorbereitung auf die Konferenz habe ich mir alle Sessions rausgesucht, die mich interessieren, und priorisiert, in wiefern ich diese "unbedingt", "wenn möglich" oder "vielleicht" sehen möchte. Mit dem gewissen Spielraum, den man bei der Beeinflussung der Schlafenszeiten eines vier Monate alten Babys noch hat, konnte ich tatsächlich alle Sessions wahrnehmen, die mir wichtig waren. Bei einigen anderen habe ich den Anfang oder das Ende verpasst, was ein bisschen schade war, aber da jede Session mitgeschnitten wurde, hatte ich nach der Konferenz die Möglichkeit, etwaige Lücken in den Vorträgen zu schließen.

Mein Kind hat während der meisten Sessions, die wir besucht haben, in der Babytrage oder dem Kinderwagen geschlafen. Bei zwei Vorträgen lag er neben mir auf einem der bequemen Kinosessel (der KOSMOS ist ein ehemaliges Kino) und hat abwechselnd unsere Sitznachbarn angestrahlt oder sich mit seinen Fingern beschäftigt. In ein paar Vorträgen hat er ruhig gestillt. In jedem Fall machte er stets einen zufriedenen Eindruck, was es mir ermöglicht hat, mich tatsächlich inhaltlich auf die Vorträge einzulassen und fachlich etwas von der Konferenz mitzunehmen.

Das Organisationsteam

Mit einem Wort: großartig! Schon beim Eintreffen am ersten Morgen hat sich einer der Organisatoren um uns gekümmert, mit mir gemeinsam nach einer Lösung für die fehlenden Wickelmöglichkeiten gesucht und mir die ruhigeren Winkel gezeigt, in denen ich gut stillen konnte. Ebenso ist er mit mir einmal das Gebäude abgelaufen, um zu sehen, welche Räume für mich mit Kinderwagen zu erreichen sind und welche nicht. Jede Nachfrage wurde stets freundlich aufgenommen, und sogar an den anderen Tagen kam immer mal wieder jemand aus dem Organisationsteam und fragte, ob wir noch etwas brauchen. Danke dafür!

Die anderen Konferenzteilnehmerinnen und Konferenzteilnehmer

Am meisten Sorge bereiteten mir im Vorfeld die Reaktionen der anderen Konferenzteilnehmenden auf das Baby. Zu meiner Freude kann ich jedoch sagen, dass - abgesehen von ein paar irritierten und abschätzigen Blicken - die Menschen positiv oder auch gar nicht auf das Baby reagierten. Ein paar wenige fragten höflich nach, ob ich die Kinderbetreuung suche, was ich mit dem Hinweis verneinte, dass diese erst Kinder ab 3 Jahren aufnimmt. Von vielen erntete ich ein freundliches Lächeln, und helfende Hände für die Bewältigung der Treppe mit Kinderwagen waren auch jederzeit zur Stelle.

Positiv überrascht war ich jedoch von dem vielen Zuspruch, den ich erhalten habe. Viele der Teilnehmenden kamen auf mich zu und äußerten ihre Begeisterung darüber, ein so kleines Kind auf eine Konferenz mitzunehmen. Meistens mündeten diese Begegnungen in ein fachliches Gespräch, einige Male auch in einem Austausch über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Einige empfahlen mir coole Raspberry-Pi-Projekte für Kinder, andere Python-Tutorials für den kleinen Entwickler in spe.

Fazit

Die positiven Reaktionen auf das Baby, die vielen Möglichkeiten des fachlichen Austauschs und die familienfreundliche Umgebung auf der PyConDE haben mich darin bestärkt, dass es eine gute Idee war, die Konferenz zusammen mit meinem Sohn zu besuchen. Die vorhandenen Herausforderungen vor Ort konnten wir dank des tollen Organisationsteams und den vielen freundlichen Teilnehmenden gut meistern. Das Baby wurde von niemandem als störend empfunden (zumindest hat es mir niemand mitgeteilt) und war vielmehr oft der Ausgangspunkt für interessante Gespräche. Durch eine gute Planung im Vorfeld konnte ich die für mich interessanten Angebote wahrnehmen.

Tipps

Für alle, die sich nun mit dem Gedanken anfreunden können, ihr Baby mit zu einer Konferenz zu nehmen, abschließend noch ein paar Tipps für eine erfolgreiche Teilnahme:

  • Fragt vorher nach, wie die Baby-Infrastruktur ist. Selbst, wenn es keine extra ausgewiesenen Räumlichkeiten gibt, können diese geschaffen werden. In meinem Fall hätte ich damit dem Organisationsteam ein bisschen Arbeit während der Konferenz ersparen können.
  • Nehmt eine Babytrage mit. Sofern euer Baby, so wie meines, ein Tragekind ist, lässt sich damit durch rhythmisches Hopsen das ein oder andere Schläfchen bis zum Ende des Vortrags ausdehnen.
  • Haltet euch in der Nähe der Tür auf. Ich hatte mich meistens im hinteren Teil der Räume positioniert, um beim ersten Baby-Schluchzer sofort den Raum verlassen zu können. Das war mir sehr wichtig, um die Vortragenden nicht zu stören. Wenn sich das Baby dann nach ein paar Sekunden wieder beruhigt hatte, konnte ich wieder leise in den Raum huschen.
  • Nehmt genügend Spucktücher und Wechselklamotten mit. Für das Baby und für euch.
  • Plant vorab. Mir hat es sehr geholfen, zu wissen, wann ich keine für mich wichtige Session verpassen würde, so dass ich diese Zeit dann ganz meinem Sohn widmen konnte.

Die Autorin

Franziska Marx
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