Wie lässt sich mit KI-basierter Transportoptimierung in Echtzeit auf der letzten Meile die City-Logistik nachhaltiger gestalten?

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Dr. Max Gath, Geschäftsführer der Bremer XTL-Kommunikationssysteme GmbH, hat sich gemeinsam mit seinem Team auf die Entwicklung von Echtzeittouren- und Routenplanungsalgorithmen mit KI spezialisiert und dazu an unserem #Fachtag2021 einen Workshop durchgeführt. Einige Wochen später haben wir den Geschäftsführer erneut gesprochen.

Du warst dieses Jahr digital dabei! Haben sich für Dich interessante Ideen und Kontakte ergeben?
Es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich hoffe, dass ich verdeutlichen konnte, wie umweltfreundliche KI-gestützte Logistik sein kann. Neue Kontakte zu knüpfen ist digital schwieriger. Face-to-face kann man noch einen Kaffee am Anschluss trinken und quatschen. Spannend fand ich das “andere” Publikum, es war eher ein allgemeines und durchgemischtes Publikum.

Welche Probleme werden mit Eurer Software zur Optimierung von Logistikprozessen gelöst?
Durch die Effizienzoptimierung werden weniger Fahrzeuge effizienter eingesetzt. Das heißt, es wird CO₂ gespart. Durch die Konsolidierung fahren weniger Lieferfahrzeuge in die gleichen Straßen. Im Endeffekt werden auch weniger Fahrzeuge produziert. Unsere Software bringt zeitliche, wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Vorteile, wie beispielsweise in der Verkehrsentlastung: weniger Staus, mehr Parkplätze, weniger Parkplatz-Suchen. So kommt es zu einer Win-Win-Win-Situation für das Unternehmen, für die Umwelt und für die Gesellschaft.

Smarte Logistik

Wie ist derzeit der allgemeine Stand der selbststeuernden Logistik?
Die selbststeuernde Logistik ist bereits stark auf dem Vormarsch. Die Digitalisierung beflügelt dabei die steigende Verfügbarkeit von Daten. Auftrags-, Sensor-, oder Verkehrsdaten sind digital bereits besser verfügbar und in Echtzeit nutzbar. Eine Lieferadresse zu qualifizieren, stellt hier ein wichtiges Problem dar: Kann ein Sattelzug am Zielort eingesetzt werden? Haben Empfänger:innen eine Hebebühne? Wie sind die Öffnungszeiten? Durch diese Fülle an Informationen und Daten, kann von der KI eine sinnvolle Vorhersage getroffen werden.

Und welche Faktoren sind dabei entscheidend?
Damit die KI-Lösungen in der Logistik auch weiterhin großen Erfolg haben, erwarte ich standardisierte Daten-Lösungen. Es darf nicht jede:r seine Datenquellen unterschiedlich spezifizieren. Diese Daten müssen auch einfacher zur Verfügung stehen und wir benötigen noch mehr, als wir sie jetzt schon haben. Auch Konsolidierung der Speditionsaufgaben ist ein großes Thema der Zukunft. So wird aktuell zum Beispiel eine Adresse von mehreren Lieferdiensten angefahren. Das ist nicht gerade umweltfreundlich.

Big Data und die DSGVO

Du berechnest dabei ideale Routen für verschiedene Dienstanbieter. Welche Daten werden dazu genutzt?
Im Gegensatz zur klassischen Disposition stoppen wir nicht bei einer Tagesplanung und steuern erst dann manuell nach. Bei uns läuft die Routenplanung und Routensteuerung kontinuierlich, um die dynamischen Einflüsse live berücksichtigen zu können. Dabei kommen viele Daten zusammen, wie aktuelle Positionsdaten, Unterschriften, Verkehrslage, Staus, Parkplätze. Hierdurch werden Fehllieferungen reduziert, da Empfänger:innen sich auf die Ankunftszeit einstellen. Auch Auftraggebende können von den vielen Daten profitieren. So können z.B. Landwirt:innen immer im Überblick behalten, wie viele der frischen Lieferungen rechtzeitig ankommen und abgenommen wurden.

Es fallen dabei sehr viele Daten an. Wie gehst du damit um?
Die DSGVO ist ein wichtiges Thema. Wir arbeiten mit vielen personenbezogenen Daten, wie z.B. Zustellorten oder Informationen zu Fahrer:innen. Hier achten wir darauf, diese nur zur Prozessoptimierung zu nutzen. Wir schließen mit unseren Kund:innen Vereinbarungen zur Auftragsdatenverarbeitung und sichern die Daten durch eine IT-Infrastruktur. Streckenprofile können wir dabei anonymisieren. Durch unsere konsequente Haltung haben wir als europäisches Unternehmen Vorteile gegenüber Wettbewerber:innen, die sich in diesem Bereich eher schwer tun.

Regionales Netzwerk für nachhaltige Perspektiven

Worauf optimieren Kund:innen Kosten, Lieferzeit oder Emissionsreduktionen und wo entstehen die meisten Kosten?
Ich habe eher weniger direkte Handelskund:innen. Ich arbeite vielmehr mit den Spediteur:innen, die die Handelskund:innen beauftragt haben. Um zu konsolidieren, haben die Spediteur:innen dann meistens auch mehrere Handelskund:innen gleichzeitig als Auftraggebende. Die Domain, in dem mein Unternehmen arbeitet, hat dabei einen großen Vorteil: Reduzierung der Kosten bedeutet auch automatisch Reduzierung der ökologischen Belastung. Wir zielen auf mehr Effizienz bei den Touren ab, z.B. durch eingesparte Kilometer und eingespartes Benzin.

Welche zukünftigen Entwicklungen haben aus Deiner Sicht Einfluss auf die Logistik?
Erste nachhaltige Lösungen sind bereits in Bremen zu erleben. Beispielsweise bietet das Bremer Kaufhaus "ekofair" mit seinem nachhaltigen und regionalen Produkten in der Obernstraße den Dienst "Pick Share" an. Kund:innen kaufen im Laden ihre Ware und bekommen diese dann später mit dem Bremer Fahrradkurierdienst von cycologic auf einem E-Lastenbike geliefert. Diese Lösung gibt es erst seit wenigen Wochen. Der Vorteil: Die Stadt bleibt autofrei und Kund:innen müssen ihren Einkauf nicht durch die ganze Stadt tragen. Idealerweise lassen sich auch andere Läden in der Innenstadt von diesem Konzept überzeugen, sodass die Fahrradkurier:innen gleich mehrere Stationen anfahren können. Die KI-gestützte Logistik kann demnach die Aufträge konsolidieren und die Kund:innen in den Prozess der Wunschlieferzeitpunkte einbinden.

Was sind deine Visionen für die Zukunft von XTL?
Wir wollen mehr Daten in Echtzeit in unsere Software integrieren. Außerdem planen wir mehrere Addons für unsere Software. Es fehlt uns hauptsächlich an Fachkräften. Es müssen Mitarbeitende sein, die auch Bock auf das Thema haben. Unsere Lösung dazu ist bisher, dass wir mehr ausbilden und Studierende direkt aus der Uni zu uns holen.

Vielen Dank Max!
Ich danke Euch, das Interview und der Workshop mit Euch hat mir viel Spaß gemacht.