19.02.2019 von Simone Kämpf

Gleiche Behandlung für alle wird häufig als Inbegriff der Fairness angesehen.
Aber ist das überhaupt so?

Eine auf den ersten Blick faire Gleichbehandlung aller Mitarbeitenden ist in vielen Unternehmen Standard. Verschiedene Menschen gleich zu behandeln bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass dann auch alle gleich zufrieden sind. Wenn zum Beispiel alle einen gleich aufgebauten Arbeitsplatz bekommen, sind diejenigen am zufriedensten, deren Bedürfnisse davon am ehesten gedeckt werden. Gemessen an der Zufriedenheit der Menschen ist die Situation schnell sehr viel weniger fair - einige sind glücklicher darüber als andere.

Zum Problem wird diese Art der Fairness auch bei offensichtlicher Ungleichheit unter den Beschäftigten: die Möglichkeit, bei Kinderbetreuungsengpässen im Homeoffice zu arbeiten oder einen spezieller Stuhl für Mitarbeitende mit Rückenproblemen sind häufig möglich. Sie schaffen aber schnell die Wahrnehmung einer Ungerechtigkeit. Homeoffice würde auch anderen Mitarbeitenden häufig einiges erleichtern (z.B. Vermeidung langer Anfahrtswege oder die Möglichkeit, zwischendurch die Wäsche zu machen). Warum kriegt sie oder er, was ich nicht bekomme?
Ist es also fair, alle gleich zu behandeln, aber in begründeten Ausnahmefällen Sonderregelungen zu ermöglichen?

Dabei besteht auch immer die Gefahr, dass die Belegschaft in gewisser Weise aufgeteilt wird: die mit kleinen Kindern, die mit pflegebedürftigen Eltern, die mit Rollstuhl, die mit Burnout. Wie soll man die alle unter einen Hut bekommen? Hier endet manch eine Bemühung in der resignierten Feststellung, dass das "zu kompliziert" sei. Das Problem: hier werden zwar nicht alle gleich behandelt, aber alle mit dem gleichen Problem/der gleichen Lebenssituation. Es gibt auf einmal nicht nur "die Normalen" (unterteilt in die mit und die ohne kleine Kinder), es gibt dann auch "die mit Rollstuhl" und "die mit Burnout". Und die mit Depressionen, die Gehörlosen, die mit Autismus, die mit Prothesen, die mit Borderline und die mit anderen Einschränkungen/Erkrankungen/Behinderungen. Und egal, in wie viele Untergruppen man die Belegschaft unterteilt - es wird nie für alle gleich gut passen.

Einfacher ist es natürlich, nur Menschen einzustellen, die zu den Bedingungen im Unternehmen passen. Die muss man nur erst einmal finden. Und unter Umständen kann man richtig gute Leute dann nicht einstellen, weil sie ganz andere Bedürfnisse haben.
Ein Weg (und der, den neuland gewählt hat) ist es, alle Mitarbeitenden einfach zu fragen, wie sie am besten arbeiten können. Und dann den Arbeitsplatz entsprechend zu gestalten.

Mit Sicherheit ginge die Arbeitsplatzfindung und -aufteilung schneller, wenn sich jeder einfach irgendwohin setzen würde. Und auch bei neuland kann nicht jeder alle Wünsche erfüllt bekommen. Das geht rein räumlich gar nicht. Außerdem arbeiten wir in Teams, und da gilt es, auf unterschiedliche Bedürfnisse einzugehen. Bei der Arbeitsgestaltung geht es deshalb nicht nur darum, was sich der Einzelne wünscht, sondern auch um eine Priorisierung der eigenen Bedürfnisse. Viele wurden noch nie gefragt, wie sie arbeiten wollen - Fragen wie "was ist mir am wichtigsten" und "worauf kann ich verzichten" sind schon deshalb noch gar nicht aufgekommen. Privilegien oder Annehmlichkeiten, die man sich im Laufe der Karriere erarbeitet (z.B. vom Großraumbüro ins Einzelbüro), gibt es bei uns auch nicht. Manchmal erscheint das alles unfair, weil einige sich Bedingungen wünschen (und bekommen), die andere auch wollen würden (und nicht bekommen). Hängen wir hier einer Utopie nach? Was bedeutet "gleich behandeln"? Und was ist fair?

These: Fair ist es dann, wenn alle die Möglichkeit haben, ihre Bedürfnisse zu formulieren und daran beteiligt sind, zu entscheiden, welche wie berücksichtigt werden. Unser Ziel ist, dass sich alle etwa gleich wohl fühlen. Dafür werden die Bedürfnisse der einzelnen Mitarbeitenden nicht ignoriert oder übergangen, sondern diskutiert und so weit wie möglich erfüllt. Das funktioniert natürlich nur, wenn alle wirklich sagen dürfen und sagen können, was sie brauchen. Und Kompromisse da eingehen, wo es für sie nicht ganz so wichtig ist. Ich finde diese Vorgehensweise ziemlich fair. Aber es ist eine Fairness, die man nicht von außen sieht (im Gegensatz zur Gleichbehandlung) und die nicht so einfach messbar ist.

Ich wurde schon häufiger gefragt, ob diese Freiheit nicht auch ausgenutzt wird. Das kann man sicher nicht komplett verhindern. Aber ich sehe keinen Grund, auf Kosten meiner Kolleginnen und Kollegen mehr für mich zu verlangen als ich brauche (z.B. mehr Homeoffice machen als nötig, nur die interessantesten Tickets bearbeiten). Schließlich arbeite ich mit denjenigen, die darunter leiden (weil die Kommunikation mit mir schwierger wird oder nur langweilige Tickets übrig sind), direkt zusammen.

neuland versucht, individuelle Bedürfnisse angemessen zu berücksichtigen. neuland versucht nicht, alle gleich zu behandeln.
Wir haben hier alle die gleichen Rechte - nicht die gleichen Bedürfnisse.

Die Autorin

Simone Kämpf
Seit 2017 Backendentwicklerin bei neuland.
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